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Die Bilder des Monats

November-2011-Würgau-klein

Das Bild des Monats
November

20 Jahre Mauerfall am 09.November 1989

An dieser Stelle soll eine Bildergalerie von etwas anderen Bildern stehen. Nicht die typischen Bilder des Mauerfalls vor 20 Jahren, sondern die Sicht eines damals noch jungen Kletterers, der unbedingt einmal die Wiege des Freikletterns kennen lernen wollte. Vorsicht. Es handelt sich um eine sehr subjektive Sicht der Dinge,

Es war ein Novembertag wie jeder andere auch im November und ich könnte mich auch nicht daran erinnern, daß er mir durch irgend etwas noch in Erinnerung geblieben wäre, weder das er besonders schön gewesen wäre noch besonders schlecht, eben durchschnittlich, wie er nicht schöner hätte durchschnittlich sein können. Aber selbst wenn er dies nicht gewesen wäre, ich hätte es sicherlich nicht bemerkt - ich lernte. Zu dieser Zeit verbrachte ich gerade meine Zeit im Studentenwohnheim in Coburg und wenn ich Glück habe finde ich sogar noch irgend ein Bild von diesem 11qm Elend, in dem ich hauste. Das man Legehennen mehr Platz zugestand war mir damals noch nicht bewußt aber eigentlich auch egal, ich war ja ohnehin nur zum Lernen hier. Und dafür reichte es und ein warmes Zimmer für 60 DM im Monat war meinem Budget durchaus zuträglich, fristete ich doch mein Dasein mit 300 DM im Monat, da durfte es nunmal nicht mehr für ein Zimmer sein.

Ein Kommilitone klopfte und eigentlich war mir das gar nicht so sonderlich recht. Nicht, daß ich ein verstockter, im dunklen Zimmer studierender Eigenbrötler gewesen wäre, aber mir war das immer gar nicht wirklich recht. Ich brauchte nun einfach die Zeit zum Lernen. Denn ich hatte gleich drei Probleme: Zum einen saßen mir meine Eltern im Genick, jederzeit mit Freude dazu bereit, mir den Geldhahn abzudrehen, also mußte ich versuchen, das eine oder andere Semester zu überspringen, um schneller einen Abschluß zu bekommen. Zum zweiten besaß ich in etwa die Auffassungsgabe einer mitteleuropäischen Nacktschnecke, was relativ langes Grübeln über die Probleme der Vorlesungen verlangte. Das sich diese Geschwindigkeit dann noch einmal mehr als deutlich verlangsamte, wenn mich die Fächer nicht interessierten - und die meisten taten dies nicht - machte die Sache keineswegs einfacher, es war vertrackt, ein Zyklus der scheinbar nicht zu durchbrechen war. Aber kommen wir zum dritten Punkt, und der wurde im Laufe der Zeit wirklich immer schlimmer, ich haßte es, aber was wollte man machen, ich war in dem Strudel, ein Mahlstrom einfach fürchterlich - erschreckend geradezu: Es hatte sich herum gesprochen, daß ich lernte. Dies wäre jetzt weiter nicht schlimm gewesen und mir hätte es auch nichts ausgemacht, wenn man vor mir auf den Boden gespuckt hätte und sich in der Mensa an einen anderen Tisch gesetzt. Aber es kam weit schlimmer als ich zu befürchten wagte, man klopfte an meine Tür. Eigentlich hatte ich meine Türnummer immer geheim gehalten, aber irgend so ein Drecksack mußte das mal rausbekommen haben und klopfte. Anfänglich ging ich auf den Versuchsballon: “Gehn wir heute Abend irgendwo was trinken” noch ein und trank das eine oder andere Bierchen (solange ich es nicht bezahlen mußte) mit, doch dann machte ich den entscheidenen Fehler: Ich sagte: “Ich muß lernen.” Und schon hatten sie mich am Schlafittchen, der nächste Satz war dann gleich: “Na dann kannst mir ja was erklären...”

Logischerweise war ich nicht scharf auf solche Szenen, zumal ich es haßte, Arbeit mit ins Wochenende zu nehmen. Am Wochenende wollte ich eines, nämlich klettern. Und irgendwelche unfertigen Vorlesungen nachzuarbeiten, das hasste ich, daher überlegte ich mir lange, ob ich mich nicht einfach tot oder zumindest schlafend legen sollte. Irgendwie ging mir die Arbeit aber sowieso nicht so recht von der Hand, daher öffnete ich. Vor mir stand ein leicht verstörter Mitinsasse des Studentenheims und sagte: “Du in Berlin haben die die Mauer aufgemacht” - “Wer?” “Na die - die DDR!”. Nachdem ich mich zunächst davon überzeugen wollte, daß der Herr nicht zu viel der Bewusstseins erweiternden Drogen genommen hatte, für die die Stadt zu dieser Zeit bekannt war verlor mein Gegenüber die Geduld. Dann komm doch mit, dann suchen wir uns eben einen Fernseher. Nachdem die Zeit weit davon entfernt war, daß auf dem Rechner über das Internet ein Newsticker durchlief blieb eigentlich zur Fernsehen und Radio zur schnellen Nachrichtenübermittlung. Und Fernseher waren knapp auf der Etage. Einen Gemeinschaftsraum oder was man auch immer dafür ausgab - selbst das gab es nicht in den Studentenbuden der damaligen Zeit, also machten wir uns auf die Suche nach jemand, der so ein Ding sein Eigen nannte und dies vielleicht bereitwillig zur Verfügung stellen würde. Derjenige war allerdings jetzt leicht aufzutreiben, denn eine Tür stand schon offen und es drängten sich diverse Leute um einen Fensterplatz. Die wenigen Bilder, die uns - eingerahmt von dem wie immer korrekt gekleideten ZDF Nachrichtensprecher erreichten - waren tumultartige Szenen und Menschenmassen, die über die Berliner Grenze in den Westen strömten. Irgendwie konnten wir das nicht ganz glauben, was da vor unseren Augen passierte, galt doch der Osten als unpassierbar. Das da auch Menschen dort lebten, war uns weitestgehend entgangen.

Auch ich war ein Kind meiner Zeit. Und es war eine Zeit, in der die Mauer längst stand, als ich geboren wurde, man konnte ohnehin nicht rüber. In den Gebieten, die Grenznah waren, gab es den so genannten “kleinen Grenzverkehr”, aber auch nur für Familien, die Verwandte direkt in den Grenzgebieten zur DDR hatten. Kulmbach war bereits davon ausgenommen, wir hatten keine grenznahen Verwandten, da alle Familienmitglieder ohnehin über die Vertreibung aus Schlesien kamen, somit alle Wurzeln nach Osten abgebrochen hatten. Wegen mir hätte man also direkt hinter Hof auch das Wattenmeer beginnen lassen können, es hätte mich genauso wenig gestört wie die DDR, wenn man es nicht anders kennt, daß irgend etwas nicht geht, so akzepiert man dies.

01 - Fiat 126

Bild oben: Ein etwas angegrauter Fiat 126 sollte uns in das gelobte Land des Freikletterns führen: Das Elbsandstein!

Aber Kind seiner Zeit hin oder her, ich war auch Kletterer. Und was hatten wir nicht alles schon von der “Wiege des Freikletterns” gelesen, dem Elbsandstein Gebirge. Fritz Wiesner aus Dresden, der das freie Klettern in die USA exportierte, von wo aus es gerade wieder zurück ins Frankenjura kam, Kurt Albert, der seine roten Punkte an die ersten frei gekletterten Techno Routen im Frankenjura malte. Es nützte nichts, wir mußten uns das Elbsandstein einmal ansehen. Das hatten wir die Jahre zuvor bereits erfolglos probiert. Man schrieb an den Sächsischen Bergsteigerbund, er möge uns doch bitte einladen, denn ohne Einladung war da nix zu machen. Da aber jeder Einladende der DDR von der Stasi äußerst angestrengt beäugt wurde, verliefen unsere Bemühungen meist im Sand. Also doch Kind der Zeit. Wenn wir nicht rüber kommen, so kommen wir eben nicht rüber, für mich war danach das Thema Elbsandstein erst einmal erledigt.

02 - Falkenstein

Bild oben: Links der mächtige Klotz des Falkensteins in der Dämmerung. Besonders beeindruckend, wenn man die Landschaft das erste Mal in eben diesem mystischen Licht sieht.

Am Abend des neunten Novembers 1989 dachten wir daran aber nicht. Da stand vor allem Fassungslosigkeit im Raum und die Sorge, daß diese neu gewonnene Reisefreiheit vielleicht ohnehin wieder ein abruptes Ende haben könnte. Und was hatte man nicht alles so vom Osten gehört, viel Gutes war jedenfalls nicht dabei. Also erst mal abwarten. Und zunächst passierte ja auch nichts in den nächsten Tagen. Deutschland ist ein ordentliches Land, also wurden auch die Grenzübergänge ordentlich geöffnet zwischen Thüringen und Bayern, das brauchte alles seine Zeit. Das sich die Ereignisse aber irgendwann überschlagen würden, wurde mir erst bewußt, als ich in der auf den Mauerfall folgenden Woche mal wieder einkaufen ging. Oder sagen wir besser - einkaufen lies. Von meinen Zellen- und Kursgenossen der Hochschule hatte nur einer ein Auto. Zwar war dies ein - zunächst dachte ich unvorteilhaft lackierter - C-Kadett in Rostbraun. Später dann wurde mir die perfide Strategie der Marke Opel erst bewußt - und vor allem der Name: Rostbraun! Egal, er hatte ein Auto, daher kriegte der den Einkaufszettel für den Discounter unserer Wahl mit, denn mit 300 DM im Monat war schließlich kein Staat zu machen (oh, ein Wortwitz in diesem Zusammenhang...). Jedenfalls klingelte ich an seiner Tür, im rechten Halfter meiner Geldschein Ausgabestation locker einen 10er stecken und mir war klar, daß der 10er reichen würde mich die nächste Woche zu ernähren, hatte ich doch ausgewogen auf die billigsten Produkte gesetzt, ich wußte genau, was auf meinem Zettel stand, der Typ brauchte sich da keine Ausflüchte einfallen lassen.

Völlig aufgelöst öffnete er die Tür. “Ich hab nix” schmetterte er mir schon entgegen, er hatte sich also schon eine Abwehrstrategie zurechtgelegt, das war mir sofort klar. “Wie, Du hast nix”, entgegnete ich, “wo hast Du Dich eigentlich den ganzen Nachmittag rumgetrieben, ich klingle hier jetzt schon zum dritten Mal”. “Es gibt nix” sagte er, ehe er ermattet zusammenbrach. “Wie, gibt nix, alles ausverkauft oder was”, mir wurde die Sache langsam zu nervig. “Genau - Millionen von Ossis, in der Norma waren die Regale leer” - “Wie leer” - “Na leer eben, nix mehr drin, gar nix mehr, alles weg”. Ich versuchte ihn noch mit der Androhung körperlicher Gewalt zur Herausgabe von weiteren Informationen zu bewegen, erkannte aber schnell, das es sinnlos sein würde. Es gab nix. Ok, ich schnappte mir noch eine Dosensuppe aus seinem Vorratsschrank und verlies ihn, nicht ohne mein verächtliches Lächen für ihn genüsslich auf meinen Lippen spielen zu lassen.

04 - Im Auto

Bild oben: Im Traumland des Freikletterns aber nix los: Nix zu essen und schlechtes Wetter...

Irgendwie so ab Dezember 1989 war dann klar, daß die Situation unumkehrbar sein würde. Die Reiseregeln für Westdeutsche im Osten wurden ebenfalls soweit gelockert, daß man relativ ungehindert sich im Land würde bewegen können, also wurde der Traum, der vorher weit weg im Traumland ganz hinten in einer Kommode schlummerte wieder hervor geholt. Wir fahren ins Elbsandstein. Und auch wenn das heute im vereinten Euro Land kaum mehr einer wahrnimmt, das erste worum man sich in früheren Zeiten kümmerte, wenn man eine Reise vorhatte, war Geld. Für Italien bestellte man Tankgutscheine beim ADAC und wartete auf den günstigsten Kurs, zur Zeiten der sterbenden DDR war das nicht mehr nötig. Meine Verwandten aus der Nähe von Hof tauschten zu einem Kurs von 1:10 D-Mark gegen Ostmark und mit den 10 Mark sind wir die ganze Woche auch ausgekommen...

05 - Entenfüttern

Bild oben: Was will man auch machen bei schlechtem Wetter - erst mal Enten füttern an der Elbe...

Wir saßen wie auf Kohlen, jetzt wollten wir sie sehen, die DDR und das Gebirge, von dem wir gedacht hatten niemals dorthin zu kommen. Wie das denn so sein würde. Aber der Januar und der Februar 1990 hatte nur schlechtes Wetter zu bieten. Aber Mitte März hielten wir es nicht mehr aus, wir wollten es jetzt wissen und fuhren los. Was aber heute eher wie ein nur drei Stunden entferntes Ausflugsziel aussieht, damals war nach Ende der Autobahn in Hof (ich meine damit das, was man als Autobahn bezeichnen konnte) erst mal Schluß. Man erreichte über die Transitstrecke den Grenzübergang, an dem bayerische Grenzpolizisten standen. Leider meine ich dies so, wie ich es sage, es waren bayerische Grenzpolizisten, also ebenfalls Ausländer für uns Franken. Und man sah ihnen schon von weitem an, daß sie wohl mitten aus dem niederbayrischen Kuhdorf kurz vor dem morgendlichen Melken abgeholt und an die innerdeutsche Grenze abkommandiert wurden. Ob sie denn schon mal einen Motivationskurs an der VHS mitgemacht hätten hatte ich gefragt, als sie uns ihr Polizei Schildchen vor die Nase hielten und natürlich passierte was passieren mußte, wenn man es mit launischen Grenzern zu tun hat...
Nach einer halben Stunde entlies man uns und Klaus warnte mich: “Wenn Du so ein Zinober jetzt bei den DDR-lern auch abziehst, dann kannste das Elbsandstein vergessen.”

Leider kam ich gar nicht dazu, obwohl nach den Bayern doch nun eigentlich schon in Kampflaune, weil mir ein freudiger Grenzpolizist der DDR erklärte: “Dürfen wir bitte Ihre Pässe sehen, keine Angst ist reine Routine, sie können auch sofort weiterfahren und sich frei bewegen.” Nachdem mein Reisepaß also geradezu euphorisch den ersten Stempel seines allzu kurzen Lebens erfuhr (die Republik fühlte sich damals bedroht, daher mußte man sich als Bürger unter 30 Jahren alle 5 Jahre einen neuen Reisepaß abholen, man hätte ja sonst möglicherweise vom BND nicht korrekt überwacht werden können) waren wir drin. In der DDR. Und ob die diese Republik jetzt demokratisch oder überhaupt Republik war interessierte uns zunächst nicht, Hauptsache sie war Deutsch, denn unter den Voraussetzungen der damaligen Zeit hätte uns dann zumindest auch noch eine fremde Sprache komplett überfordert.

03 - Unterkunft

Bild oben: Klettern mit Familienanschluß war damals die Devise. Leute, die gerade ein Zimmer übrig oder leer stehen hatten vermieteten dies und erwirtschafteten sich damals bereits das erste Westgeld. Denn die Übernachtung war in DM zu bezahlen. Ach ja, noch was: Der Typ rechts ist nicht Robert Plant in jungen Jahren sondern mein Freund Klaus und der Typ links nicht etwa ein DDR Bürger beim Ausfüllen eines Ausreiseantrags, NEIN! Das bin ich. Diese Moustache hatten zu der Zeit andere auch, ich fühle mich durch die Zeit entschuldigt...

Unzählige Staus später erreichten wir Dresden, oder sagen wir besser: Das was davon noch übrig war. Was wir an Informationen über das Elbsandstein hatten war allerdings mehr als dürftig, daher kam ich auf die Idee, in der Stadt kurz zu halten und einen Kletterführer zu kaufen. Leider unterschätzte ich die sozialistische Planwirtschaft völlig. Zwar konnte ich mir für 18 Pfennige die Komplettausgabe der Marxschen Werke sichern, mit einem Kletterführer wurde es allerdings nichts. “Was wollt ihr, nein - sowas gibt es hier nicht”. Nach dem dritten Laden gaben wir einfach auf, wir würden hier nicht fündig werden. Also gut, dann eben keinen Kletterführer, ist ja auch egal, irgendwo werden wir schon hochkommen. Leider gab es außer Kletterführern noch einen weiteren entscheidenden Mangel in der Stadt, der Mangel an Verkehrsschildern. Ich nahm an, daß durch die fehlende Möglichkeit der Ausreise den Bewohnern der Stadt ohnehin klar war, wo sie sich in diesem Moment befanden, also handelte es sich ja durchaus um eine saubere Lösung. Und diejenigen, die sich nicht auskannten, die wären gar nicht dazu in der Lage gewesen, sich zu entfernen. Irgendwie entfernten wir uns aber doch. Das wir Passanten, Straßenbahnen und anderes für die Infrastruktur wichtiges Kulturgut dabei ausbremsten, das nahmen wir nach einer Stunde Straßenkampf in den Gassen von Dresden billigend in Kauf. Hauptsache raus aus diesem Moloch, weg in Richtung Bad Schandau, dem Eintritt ins Elbsandstein.

07 - Zum Fels

Bild oben: Suche nach dem ersten Fels. Vor allem nach einem, der trocken war...

Das es bei kuscheligen fünf Grad in Bad Schandau mit Zelten oder schlafen in den berühmten “Boofen” (Höhlen im Fels, die traditionell als Schlafplatz der Kletterer benutzt werden) aber nix werden würde, das wurde uns irgendwie schnell klar. Also nach so was wie einem Fremdenverkehrsamt gesucht und tatsächlich fündig geworden. Bei unserem hauptsächlich in langer Situationsanalyse herausgearbeiteten Anforderungsprofil: “Hauptsache billig, Rest ist egal” fanden wir eine Familie, die ein nicht benutztes Zimmer als Gästezimmer vermietete und der Preis war ok. Zwar mußten wir 10 Westmark pro Nase und Nacht auf den Tisch des Hauses blättern, aber gut, ein zwar einfaches aber schmackhaftes Frühstück war sogar im Preis enthalten. Und eigentlich auch eine Informationsquelle, die uns bei längerem Aufenthalt sicherlich mehr genützt hätte: Ein Kletterführer! Ich sage deshalb mehr genützt, weil er dummerweise nicht das Gebiet abdeckte, in das wir unbedingt wollten, nämlich an den Falkenstein! Dieser mächtige Klotz war auch im Westen bekannt, unser Teil des damals vierteiligen Kletterführers des Elbsandsteins umfaßte allerdings leider nur das Bielatal. Egal, wir waren jetzt vor Ort, also sollte was geklettert werden. Egal wie, irgendwo mußten wir jetzt hoch.

06 - Elbtal

Bild oben: So ähnlich wie blau: Erste Wetterbesserung über dem Elbtal

Seltsame Begegnungen. Das der Geist der Freiheit die Menschen jetzt nun erfaßt hätte - davon habe ich keine Erinnerungen mehr und diese denke ich auch nicht gemacht. Eher das Gegenteil war der Fall, jedenfalls im Elbsandsteingebirge. Jetzt kann es natürlich sein, daß der Fall der Mauer ja doch schon über drei Monate her war und die Euphorie entsprechend gesunken - wir merkten jedenfalls nichts von einer Hochstimmung im Land. Wir kriegten aber auch kaum etwas mit, während wir durch die Wälder streiften und mit den wenigen Unterlagen, die wir aus dem Westen mitgebracht hatten nach den Felsen suchten, die meist noch naß waren, begegneten uns kaum Menschen. Eher das Gegenteil schien der Fall zu sein, busyness as usual schien angesagt. Dennoch einige Begegnungen, die uns in Erinnerung geblieben sind:

Bad Schandau, eine Kneipe. “Mensch Klaus, kuck auf die Preise” sagte ich, als ich zielstrebig den Laden betrat, denn nach all der Rumlatscherei hatte ich langsam mächtig Hunger. Die Kneipe sah einigermaßen gepflegt aus, überall weiße Tischdecken auf den Tischen und die Kellner unterschieden sich lediglich dadurch, daß sie als Kontrast zu diesem ganzen Weiß ihre schwarzen Pinguinkostüme angelegt hatten, ansonsten aber eher etwas unwillig an der Theke in dem leeren, aber bestimmt 200 Leute fassendem großem Saal herumlungerten. Wir also rein, irgendwo an einen Tisch, aber so weit sind wir gar nicht gekommen, plötzlich war die Aufregung groß. Ein Pinguin kam und erklärte: “Der Tisch ist belegt”. Ich: “Kein Problem, setzen wir uns einfach wo anders hin”, “Der Tisch ist auch belegt” “Ich seh aber kein Schild: Reserviert” “Ist aber reserviert”, “Gut, nehmen wir einfach einen Tisch, der nicht reserviert ist, wir bestehen auf keinem besonderen Tisch”, “Sind alle reserviert”. Stunden später sind wir nochmal vorbei gegangen an der Kneipe, kein Gast saß darin.

Grenzübergang zu Tschechien, damals noch Tschechoslowakische Republik: Männer, verirrt im Wald, gut ohne Kletterführer sind diese Felsen eben nicht zu identifizieren, zumal es so viele von den Dingern gibt. Irgendwo hingelaufen, irgendwo eingestiegen, dann wieder Regen, unter abenteuerlichen Aktionen nach unten, ich hatte die Nase voll. Und der Magen knurrte, also rein ins Auto und eine Kneipe gesucht. Nach der dritten oder vierten Kneipe ins Auto gesetzt, langsam stand mir der Haß auf dieses Land, das ja Deutschland hieß aber keine Kneipe und keine andere Möglichkeit, irgendwo etwas zum Essen her zu bekommen, wohl schon auf der Stirn geschrieben, daher wundert es mich, daß mich Klaus fahren lies. Ich meinte: “Ich fahre jetzt eben irgendwo an der Elbe entlang, da wird es doch wohl bitte irgend eine Ausflugskneipe geben, die uns was zu Essen macht”. Die Strecke wurde immer länger, ich immer übermüdeter und zu essen gab es auch nicht, ich immer schneller. Jedenfalls was man so von einem Fiat 126 erwarten konnte, aber das war mehr, als das Bild des Wagens vermuten lies. Irgendwie war plötzlich Licht und hell und ein seltsamer Typ, der auf der Straße stand und winkte. Als ich etwa 20cm vor der Grenzschranke, die über die Straße hing nur noch mittels Vollbremsung zum stehen kam (ich hatte einfach zu spät reagiert) war mir fast schon klar, daß ich wohl irgendwo in einer Verhörzelle landen würde. Der Grenzer, zuvor noch mit angstverzerrtem Gesicht zur Seite gesprungen kam an den Wagen gelaufen. Da mir ohnehin klar war, in den nächsten Minuten verhaftet zu werden kurbelte ich devot das Fenster runter. Er beugte sich runter und lächelte verschmitzt: “Möchten Sie ausreisen?” Er erklärte mir den Weg zu einer Kneipe, die noch aufhatte...

Höllenhund, direkte Talseite: Die von Dieter Hasse erstbegangene Linie kannten wir natürlich auch, auch eine der Linien, die man machen muß. Wir schmissen die Rucksäcke unter die Linie und begannen gerade unsere Klettergurte anzuziehen, als von irgendwo her jemand kam: “Halt, hier ist Magnesiaverbot”. Wir antworteten, daß wir dies wüßten, uns auch daran halten würden. “Macht ihr nicht, ihr habe die Säcke ja schon am Gurt”. Das stimmte, das hatten wir. Allerdings wußte ich ja schon von dem Verbot, überlegte mir also wie man dies auf legale Weise umgehen könnte. Also hatten wir unsere alten Magnesiabeutel wieder rausgesucht, dort Sand hinein gefüllt und diese dann über der Heizung trocknen lassen. Der Sand war danach so staubtrocken, daß er den gleichen Effekt erfüllte, einziger Nachteil war, daß man den Sand jeden Abend an der Heizung wieder “aufladen” mußte, mir half es jedenfalls als pyschologische Stütze. Dem Richter in Grau, dem war das allerdings nicht zu erklären. “Ich schneid euch euer Seil durch”, irgendwann versuchten wir ihn zu ignorieren. Nachdem wir ihm mehrmals angeboten hatten, sich von der Magnesiafreiheit unserer Beutel zu überzeugen, er aber weiter schimpfte lies ich ihn zunächst gewähren, versuchte alles, ihn geistig auszuschalten. Es funktionierte nicht. Es hätte eine gute Route werden können...

09 - Über dem Elbtal

Bild oben: Endlich dort, wo wir hin wollten: Blick nach unten aus der ersten Länge am Falkenstein.

Nach zahlreichen, teilweise erfolgreichen aber auch teilweise desaströsen Abenteuern im kalten Regen des März 2009 sollte irgendwie auch unsere Zeit hier im Osten ablaufen. Zwar hatte ich irgendwen eingeschärft, möglichst viel von den Vorlesungen wortgetreu mitzuschreiben, aber mehr als eine Woche Abwesenheit während der Vorlesungszeit war einfach nicht drin. Irgendwann mußten wir wieder heim, gut sonst hätten wir wahrscheinlich auch zu viel abgenommen, gab ja irgendwie nix zu Essen in dem Land. Und auch wenn die Club Cola nur 19 Pfennige gekostet hat und das Bier 34, es kommt irgendwie keine richtige Stimmung auf, wenn man beim zweiten Bier schon gebeten wird zu gehen.
Hilf nix also noch einmal zum Falkenstein. Jetzt war die nebulöse Beschreibung schon Grund genug, dort nicht hin zu gehen, aber wir wollten da hoch, egal wie. Nachdem wir den Schusterweg (dritter Grad) nicht klettern konnten, weil dort das Wasser in Strömen runter lief, war uns jeden Mittel recht, auf den Gipfel zu kommen, wir entschieden uns für einen angeblichen vierten Grad. Das das nicht stimmen konnte, was uns die spärlichen Zeilen der wohl tausendfach kopierten Beschreibung sagten, war mir relativ schnell klar, als sich die Ringe häuften. Im Elbsand dürfen die Sicherungsringe ja nur recht spärlich gesetzt werden, als mir aber recht viele davon ins Auge stachen, war mir klar: Du bist hier falsch!

11 - Reginawand am Falkenstein

Bild oben: Klaus am Falkenstein - Reginawand (VIIIa, sächsiche Skala)

Risse und Kamine, eng und ungesichert. Da wollte ich ausbrechen. Das gelang mir auch, ich sah einen Ring in der Wand und dann darüber noch einen Ring, also ein verläßliches Sicherungsmittel. Da würde ich hinklettern. Das man Stände macht ohne Ende würde mir erst hier klar, denn wenn das Seil über auch nur eine Kante läuft - im Kalk kein Problem, im Elbsandstein eine fatale Entscheidung. Wo ich mich da befand war mir nicht klar und ich wollte auch nie in eine Reibungsplatte einsteigen. Ich bin kein Freund von Reibungsplatten im Frankenjura, aber Reibungsplatten im Sand - das ist ein Unterschied wie betreutes Kinder-Hallen Bouldern und die Eiger Nordwand. Kurz gesagt: Fürchterlich. Wohl gibt es da einige so genannte Unterstützungs Stellen, an die Haken enger gesetzt werden dürfen. Diese Stellen kann man ohne Unterstützung klettern, ist dann eben schwer. Dann sind die Haken allerdings recht nah bei einander, also war das auch kein Problem, fliegt man da ab, so fliegt man relativ kurz. Die Probleme begannen weiter oben. So etwa 10-15m über dem Haken und keiner in Sicht. Jetzt nicht nervös werden...

13 - Falkenstein am Abend

Bild oben: Falkenstein am Abend, kurz vor der Dunkelheit. Das Bild ist mit offener Blende, eigentlich war es schon dunkler...

Nicht nervös werden heißt in diesem Fall: Sich einfach nicht bewegen. Nun, dummerweise kann man die Sache auch nur eine gewisse Zeit durchhalten. Es war März, die Tage waren kurz und ab Bild weiter oben sieht man ja schon, daß da auch die Dunkelheit nicht allzu lang mehr wartete. Aber egal, Dunkelheit hin oder her, irgendwie mußte ich da hoch, schon allein deshalb, um an irgend einem Ring einen geordneten Rückzug beginnen zu können. Letztlich wurde aus dem aber dann auch nix, geordnet läuft irgendwie anders als wir das gemacht haben. Irgendwas ins Gipfelbuch gekrizelt, irgendwie über die Route wieder abgeseilt und wir hatten Glück, zwei Seile dabei gehabt zu haben, denn ein Biwak auf dem Gipfel im März ohne Ausrüstung hätte ich nicht als spannend empfunden...

14 - Falkenstein am Abend

Bild oben: Zum Glück hat es noch gereicht bis unten - Falkenstein im letzten Licht des Tages

Irgendwie standen wir wieder unten. Wie, das weiß ich heute, zwanzig Jahre später auch nicht mehr so ganz genau, auch könnte es sein, das die eine oder andere Schilderung der Ereignisse im Laufe der Jahre eine andere Bedeutung erlangt hat, dafür möchte ich mich in voreilendem Gehorsam bei allen bereits jetzt entschuldigen.

Unser Ziel war erreicht, wir waren auf dem Falkenstein. Danach ging es noch einige Male in den Elbsandstein. Wir haben viel erlebt dort. Aber auch viele Träume dort begraben. Zum Beispiel den Traum vom einfachen Zusammenwachsen der zwei deutschen Staaten. Der Traum davon, vorurteilslos miteinander klettern gehen zu können. Die Arroganz der Sächsichen Kletterer wurde mir irgendwann zu viel, auch das kommerzielle Ausschlachten des Gebietes, will man vernünftige Preise für Übernachtung und Essen fährt man besser wo anders hin.

Eine andere Erfahrung habe ich aber auch gemacht, Franken und Thüringen wächst anscheinend schon zusammen. Gerade in diesem Jahr habe ich einige Thüringer Kletterer kennen gelernt, die wirklich Spaß hatten am Klettern, nicht an der Auslegung von Kletterregeln. Die muß es natürlich auch geben. Aber wenn ein 75 jähriger Kletterer, der gerade eine Route, die als besonders bissig und gemein im Grad 7+ macht nicht schafft und meint er müßte sich dafür schämen, so kann ich da nur sagen: Blödsinn und andererseits auch: Respekt. Wenn ich da noch zum Fels humpele, so werde ich sicherlich die Route auch nicht können. Wenn doch, so werde ich euch davon berichten. Aber das hat noch etwas Zeit. Hoffentlich.

Die Grenzer haben uns in diesem Frühjahr 1990 durchgewunken. Ich blieb stehen und sagte: Wir haben einen Einreisestempel, wenn wir jetzt keinen Ausreisestempel bekommen so sind wir ja quasi noch da. Er beruhigte uns. “Der Stempel ist nicht nötig.”

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