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        by Jürgen Kremer

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Alles mögliche

DIE BILDER DES MONATS

Januar Chulilla

Das Bild des Monats
Januar

Alles Mögliche

Andi
Eine vollkommen wahre Geschichte über einen etwas anderen Silvesterabend
(einen Link zur Bildseite zu dieser Geschichte findet ihr am Ende des Artikels)

Es fing eigentlich alles ganz harmlos an, harmlos im Sinne von "mal ein paar Tage im Süden verbringen". Man kennt das aus Deutschland vor dem Entstehen von "Fixierstuben", wie Peter Brunnert diese von mir immer noch gemiedenen Lokalitäten einmal genannt hat.

Nein, die Produktion von Cholecalciferol war das Ziel - und Kletterhallen bieten eben einfach keine Möglichkeit Strahlungsintensität zwischen 290 und 300 Nanometern in das noch teilweise unerforschte Vitamin D zu investieren. Dessen Fehlen allerdings - dem neben anderen unschönen Krankheiten wie Krebs, Leukämie, Tuberkulose, Bluthochdruck, Parodontitis, Demenz und Parkinson die freie Enzyklopädie vor allem eines bescheinigt: Allgemein erhöhte Sterblichkeit!

 

Einem solchen Evolutionsdruck sich auszusetzen wollten wir eher vermeiden, darum die Entscheidung für Spanien. Verdammt weit, gut, das wußten wir, aber nachdem die möglichen Alternativen wie Südfrankreich weniger am Pater als eher an Robert Brown scheiterten (man könnte auch einfacher sagen: Es war saukalt dort) - einigten wir uns doch auf eine Weiterfahrt nach Spanien. Und das Riglos los Mallos im Winter ungeeignet ist, das wurde uns ganz nebenbei auch so beigebracht. Das wir nach nur wenigen Kilometern und Minuten in meinem Hypermobil in Chulilla eintrafen grenzte langsam an ein Wunder unserer stoischen Gemütslehre, aber wir kamen an. Das die Geschichte noch immer nix mit der Produktion des von uns so sehnlichst erwünschten Vitamins zu tun hat (und der Begriff Vitamin ist gerade bei diesem Vitamin lediglich historisch zutreffend, was die Sache ja noch schlimmer macht) lag daran, daß wir keinen thermonuklear gespeisten Gasball sahen. Gut, das kann vielleicht auch daran gelegen haben, daß wir spät Abends ankamen und das Ding sich dann auf der anderen Seite dieser Welt aufhält. Hätte es sich aber auf unserer Seite aufgehalten, er hätte kaum anders ausgesehen, halt nur heller! Unwesentlich eigentlich und es wäre eine interessante Forschungsaufgabe der Sprachwissenschaft, ob es für den Begriff "Schnürlregen" eine spanische Entsprechung gibt.

 

Es gibt allerdings Situationen im Leben, da interessiert einem das nicht, nein ich wollte in diesem Moment nicht nachforschen. Sich bis dato von billigem Ravioli und Wein ernährt gerät ein Franke irgendwann an die Grenze seiner Belastungsfähigkeit. Beinahe nebenher sagte ich den durchaus bedeutungsschwangeren Satz: "Will ein Bier". Mir war klar, daß wir uns im Dunkel der Nacht um uns herum einen Schlafplatz würden suchen müssen. Und dies bei völliger Unkenntnis des Geländes, eine unbequeme Nacht im Auto war fast schon eingeplant, eigentlich schon versprochen. Davor sollte es aber noch ein Bier geben, das war der Plan. Irgendwo in diesem Gottverlassenem Ort, und glaubt mir, in der Nacht, bei Kälte, Nässe und eben keinem Plan sehen alle Orte dieser Welt so aus, da will ich nun gar keine Ausnahme machen, wir waren aber eben an diesem. Klar gibt es noch andere auf der Welt, hunderttausende, ja Millionen, was regen wir uns denn so auf, klar, nirgendwo ist es besser, was solls. Halt. Da hinten ein Licht. Wir steigen aus und verriegeln die Türen mit einem interessantem Trick eines französischen Autobauers (der mir leider allzu oft die Frage nach dem Zweitschlüssel einbrachte) und stolpern auf eine Kneipe zu, von der sofort klar wird, welche Musik dort drin wohl laufen wird. Damals habe ich kaum mal was von ihnen gehört, heute sehe ich das auch aus musikhistorischer Sicht (ich interessiere mich viel für Musik) als Fehler: Sex Pistols. Gut, ist ja eigentlich egal, wo wir da reingehn. Wollte ja ein Bier. Die dunkle Tür fast ein wenig zu aggressiv, fast ein wenig zu entschlossen zur Seite geschubbst, wir waren drin.

 

Um die Sache, nein den Erzählstrang nicht zu sehr aufzuhalten, dennoch gerade noch ganz kurz soeben überlegt welchem Film man das zuordnen könnte, Roman Polanski natürlich und dem Tanz der Vampire. Ja und auch hier leben die Toten und ich quetschte mich auf eine bereits hoffnungslos überfüllte Bank. In der Hoffnung, schnell ein Bier zu bekommen. Auch dies gelang - wahrscheinlich wartet ein anderer Gast dafür heute noch auf seine Lieferung. Ein Lautstärkepegel, der manche Live-Band der damaligen Zeit wirklich neidisch werden läßt, nein startende Flugzeuge sind hier nicht geeignet um Vergleichsmessungen durchzuführen. Also, vorerst hatten wir was wir wollten, einziges Problem, wir konnten die Nässe und die kommende enge und kalte Nacht im Auto nur etwas hinauszögern, nicht aufhalten. Wir hatten nun mal keinen Platz für unser Zelt und würden im Regen und der Dunkelheit wohl auch nichts finden. Nun, so diskutierten wir eine Zeitlang, wie wir denn nun weiter machen wollten, so recht viel uns aber nichts ein. Jedenfalls solange, bis mich ein doch recht zerzauster Typ, der auch in unserer Ecke saß ansprach, zunächst von mir gar nicht bemerkt, erst durch einen Ellenbogen meines Kletterpartners zurück aus meiner Träumerei bemerkt. So machte er es immer, das machte mich wahnsinnig. Einmal fragte ich ihn, wieso denn, wenn doch er angesprochen worden wäre, er das Gespräch immer an mich weiterleiten würde, worauf seine Antwort - und ich glaube das hat der sich schon lange vorher schon zurecht gelegt - lautete: "Ich spreche kein Ausländisch!". Punkt, aus. Damit war die Sache für ihn erledigt, er hatte das schon ein paar Mal mit mir gemacht. Wir waren schon in Italien, Frankreich, jetzt in Spanien. Einmal entgegnete ich: "Glaubst Du etwa, ich spreche ausländisch?" Und versuchte meine Entgegnung mit möglichst viel Nachdruck, klar formuliert, fast etwas forsch. "Naja", entgegnete er, dummerweise aber kein bisschen überrumpelt, so wie ich es eigentlich geplant hatte, "zumindest besser als ich!". Damit war also die Verteilung der Aufgaben klar geregelt, ich hatte im Ausland die Konversation zu beginnen. Mir dieser Aufgabe also nur zu gut bewußt, mit dem Ellenbogen auch noch einigermaßen sanft dazu aufgefordert, begann ich meine Kontaktaufnahme damit, daß ich meinem Gegenüber erklärte, nun auch überhaupt nichts zu verstehen, jedenfalls soweit ich die wenigen aus dem Kletterführer entnommenen Silben für: "Ich verstehe kein Spanisch" falsch ausgesprochen rezitieren konnte. Mein Gegenüber hörte aber nicht auf, unablässig auf mich einzureden, weswegen ich ihm nach einem weiteren erfolglosen Versuch, ihm zu erklären, daß ich kein Spanisch spräche schließlich fragte: "Do You speak English?"

 

Es waren Schwaben. Immerhin wurde das bald auch meinem Kletterpartner klar und er hatte den Vorteil, näher an den Schwaben dran zu sitzen, ein nicht zu unterschätzender Vorteil bei 120 dB Sex Pistols, gemischt mit tiefstem Schwäbisch. Auch ich versuchte mich zunächst noch an der Unterhaltung zu beteiligen, was mir allerdings wegen des kryptischen Dialekts nur unwesentlich gelang, aber mein Partner hatte aber aufgrund der plötzlichen Aussicht auf einen trockenen Schlafplatz nun durchaus Interesse, das Gespräch weiter zu führen. Ich konnte dagegen nur "ausländisch", nicht jedoch schwäbisch, daher dachte ich mir einfach: "Das wird er schon machen..." und organisierte mir stattdessen mein nächstes Bier. Jedenfalls war das Ergebnis des Abends, nach mehreren Sex Pistols Platten und weiteren Bieren durchaus nicht zu verachten, zumindest machten wir uns spät Abends (die Schwaben waren definitiv keine Antialkoholiker und der Wirt stellte am Schluß noch einige Runden eines undefinierbaren starkprozentigen Gesöffs auf den Tisch, von dem er behauptete, er würde uns wieder nüchterer machen oder vielleicht war es auch nur das, was ich davon verstand) auf die etwa drei Kilometer lange Fahrt zu ihrem Campingground, wie man wohl heute sagen würde. Kein Platz, denn zu einem Platz gehören irgendwie Regeln, Tore, Geld, das man bezahlen muß und lauter solche Sachen. Dieser Platz hatte das alles nicht. Aber er hatte zumindest Mülltonnen, die alle zwei Tage gelehrt wurden, eine Wasserstelle etwas abseits für die man nur kurz laufen mußte und ziemlich viele schräge Typen, die sich dort aufhielten. Also, bezahlen mußte man nicht, aufs Klo konnte man in unserer Sex Pistols Kneipe, also war das für uns ok. Auch wenn wir die Typen gegenüber von uns, in ihrem Mercedes Kleinbus, mit ganzer Sippschaft angereist und nach eigener Aussage schon seit drei Monaten hier, zunächst etwas mißtrauten. Das die Lebensmittel, mit denen meist die Kinder Abends heimkamen, nicht gekauft waren konnte ich nur vermuten, jedenfalls kletterten die Jungs und Mädels verdammt gut und der gelegentlich Geruch von Cannabis war eigentlich auch schon von Beginn an über dem Gelände gestanden und wurde durch meine Nase, stand der Wind einmal richtig, nur bestätigt. So einen Geruch erkennt man aus tausend anderen. Zwar wurde er übertüncht durch ihre augenscheinlich fast nur aus vegetarischen Produkten (unbekannter Herkunft) ausgelegte Küche, aber dennoch war da noch so eine Note in dem Duft, der zu uns rüberschwappte. Nun, all zu oft rochen wir das ohnehin nicht, denn als dann endlich besseres Wetter kam, kam auch die Kälte zurück in unser schmuckes Dorf im Hochland der Provinz Valencia. Es entwickelte sich ein nahezu digitales Wettergeschehen, wie ich es bis dato noch nie erlebt hatte. So waren in der Früh alle Zelte mit einem hartnäckigem Reif überzogen, doch ab dem späten Vormittag wurde es warm. Suchte man sich beim Klettern dann eine Südseite aus, auf die die Sonne auch im Winter unablässig schien, so war das T-Shirt eine durchaus angebrachte Kleidung, ich habe nackte Oberkörper bei deutlich schlechterem Wetter gesehen. Leider kam die Ernüchterung schon kurz nach Sonnenuntergang, ab da mußte man im fünf Minuten Takt ein Kleidungsstück nach dem nächsten über seinem Astralkörper anbringen. Nun, leid dieser Prozedur und mit den Schwaben zusammen im Trupp zog es uns daher immer wieder in diese Sex Pistols Kneipe. Man darf das nicht unterschätzen, denn spätestens ab 18.00 Uhr herrschten in Chulilla Minusgrade, weswegen wir die Kneipe relativ früh ansteuerten und relativ spät verließen. Was auch dem Wirt klar wurde und er uns daher ein Tagesmenü anbot. Was wir dankbar annahmen, schließlich mußten wir dann nicht in der Kälte noch kochen.

 

Hier kam das erste Mal Andi ins Spiel: Er regelte das. Mir schien das alles irgendwie nicht zielgerichtet zu sein, wie er so mit seinem Wörterbuch und seinem Bierglas über der Theke mit dem Wirt verhandelte -aber egal, auf das Ergebnis kommt es an und es führte tatsächlich zum gewünschten Erfolg. Daher ließen wir ihn gewähren. Als dann Silvester näher rückte, reifte auch bei Andi (der an den jeweiligen Verhandlungsrunden mit dem Wirt übrigens sichtlichen Spaß hatte) die Erkenntnis, daß - würden wir beiden Franken und die vier Schwaben dort wirklich den ganzen Abend bleiben - ein sinnvolles bezahlen der Zeche faktisch unmöglich würde. Obwohl drei der vier (damals auch Andi) gerade vom Arbeitsamt lebten, so hatten sie doch ein unglaubliches Gespür für die praktischen Dinge des Lebens, die uns - oder zumindest mir - leider komplett fehlte. Und so nahm eine der ersten "Flatrates" ihren Lauf. Ein Begriff, den wir damals als solchen noch nicht einmal kannten, man darf also getrost Andi als einen echten Innovationsträger bezeichnen, jetzt ohne Neid, wir hätten das alleine sicherlich nicht so hinbekommen. Im Minutentakt erzählte er uns von seinen Fortschritten. Nachdem der Wirt ja wußte, was wir am Abend so an Zeche zusammen bekamen, machte er schließlich das Geschäft perfekt. Jeder von uns legte den Betrag auf den Tisch, Andi sammelte ihn ein und gab ihm den Wirt. Alles war perfekt. Wir waren drin. Sechs Leute, zwei Franken, vier Schwaben, ein Preis und Essen und Trinken frei. Wie schon gesagt: Ein perfekter Tag, der uns da bevorstand.

 

Silvester. Das der Tag zwar etwas kalt, aber dafür mit perfektem Sonnenschein begann, passte haargenau in unsere Choreographie. Nur klettern, klettern, albern und als die Sonne dann langsam unterging und es schlagartig kühl wurde zurück zu unserem Campingground zurück und umziehen, waschen und ab ins Vergnügen. Bezahlt hatten wir ja schon und alles war ab jetzt umsonst. Ab geht die Party und die Party geht ab hier. Was sollte man mehr erwarten können? Nun, man sollte zumindest erwarten können, Silvester noch zu erleben - also nicht schlafend zu erleben. Leider waren wir von der vielen körperlichen Aktivität schon etwas geschafft, dann in die Kneipe, Essen, Bier, vor allem Wärme - irgendwann wollte ich eigentlich nur noch ins Bett, egal ob Silvester oder nicht. Aber so leicht war Andi nicht von seinem Plan abzuhalten, hatte er doch noch ein ganz besonderes Bonbon für uns im Hut: "He Jungs, ich habe gestern auch noch freien Eintritt in die Disko hier ausgehandelt!". Man sah, wie seine Augen glänzten, meine hingegen immer weiter zufielen. Ich hatte so mit 24 Uhr, Feuerwerk und dann heim ins Zelt gerechnet, das war anscheinend aber nicht zu machen. Also, jetzt noch Disko hinterher. Ich war noch nie ein Diskogänger, aber bei dem Gedanken, bald in eine spanische Disko gehen zu müssen, packte mich das Grauen. Hoffentlich würde ich mich rechtzeitig absetzen können.

 

Natürlich kam das neue Jahr wie das alte auch schon gekommen war, daß es zufällig genau um 24.00 Uhr kam, das sollte noch erwähnt werden. Kracher, Raketen, da unterschiedet sich Spanien kaum von Deutschland. Vor dem, was danach kommen sollte, hatte ich schon mehr Respekt, denn Andi steuerte schnurstracks die Disko von Chulilla an. Aber eine Fügung des Himmels wollte es wohl so, daß sein Spanisch dann doch nicht ganz so gut war, wie wir alle vermutet hatten, jedenfalls stellte sich heraus, daß der Eintritt in die Disse dann doch nicht ganz so umsonst war, wie Andi es uns hatte glauben lassen wollen. Ein guter Zeitpunkt, so dachte ich mir und meinte: "mir reicht es eigentlich, ich gehe heim." Auch mein Partner überlegte es sich noch kurz, aber auch hier siegte die Vernunft, ich übernahm noch kurz Andis nagelneue Goretex Jacke, da er meinte er bräuchte sie ab jetzt nicht mehr, "gib sie mir morgen wieder", "klar, mach ich, ich leg sie in mein Auto", waren die kurzen Worte, dann ging es zum Schlafen. Ob meine französische Autolegende noch mehr an Alkohol mitgemacht hätte, wäre ohnehin fraglich gewesen, mehr hätten wir eher in den Tank schütten und der Verbrennung opfern müssen. Mit genügend Bettschwere kamen wir am Zelt an, wir zogen die Reißverschlüsse des Zeltes und der Schlafsäcke zu und wünschten uns einen guten Anfang in ein hoffentlich gutes Neues Jahr. Durch einen einfachen, aliphatischen Ethanol sanft in den Schlaf gewiegt waren die Steine unter der Matte deutlich sanfter zu den Beckenknochen und eine recht erholsame Nacht lag vor uns, zumal wir es dann taktisch dann doch so gut hinbekommen hatten, daß wir des Nachts nicht in die auch in Spanien grausam kalte Nacht mußten.

 

Da wir seit dem ersten Tag unseres Kennenlernens in der berüchtigten Sex Pixtols Kneipe ohnehin immer zusammen zum Fels gingen (unsere vier Schwaben und wir beiden Franken) drehte ich, auch als ich schon bemerkte, daß die erste Sonne auf unser Zelt schien, noch einmal um, zog den Schlafsack über die Augen und gönnte mir noch eine Stunde. Oder vielleicht auch zwei, jedenfalls drückten dann sowohl die Steine als auch die Blasen und wir entschlossen uns dazu, unser jetzt schon hell beleuchtetes Zelt aufzuziehen und Wasser sowohl zu lassen als auch zu erwärmen, ein Kaffee mußte her, daran bestand absolut kein Zweifel. Der Platz vor dem Zelt hatte eine angenehme Morgensonne, wir saßen in unseren Klappstühlen und beobachteten das Treiben unserer vier schwäbischen Freunde, von denen zunächst nur drei zu sehen waren. Diese drei versuchten sich an ihrer Neuerwerbung, einem sündhaft teuren englischen Benzinkocher, den der wahre Kletterer damals eben einfach haben mußte - wir hingegen mit unserem Tangia Spirituskocher hatten zwar relativ langsam, aber irgendwann dann auch heißes Wasser. Nachdem sich zwei der Schwaben relativ schnell zu uns gesellt hatten ("Laß ihn machen, der hat sich das Ding erst gekauft, der kann es nicht zugeben, daß der Kocher Sch.... ist) hätte es fast schon den ersten Unfall des neuen Jahres gegeben, der - trotz des Katers der vorhergehenden Nacht - nur durch blitzschnelle Reaktion seines Besitzers abgewendet wurde, als der Kocher eine fast mannshohe Stichflamme ausspuckte. Sichtlich geschockt durch diesen Vorfall saß nun bald auch Mitglied Nr. 5 unserer sechsköpfigen fränkisch/schwäbischen Truppe um unseren Trangia Sturmkocher herum, dessen nun beginnende nahezu fast heimelige Idylle durch einen Satz von mir jäh zerstört wurde: "Wo ist eigentlich Andi?". Man wußte es nicht. Nach mehrmaligem Nachfragen schlug die Stimmung irgendwann fast um, schließlich beschuldigte ich gerade seinen Zeltnachbarn (sie waren so wie wir mit Zweimannzelten unterwegs) bald: "Du mußt Dich doch drum kümmern, wo Dein Kumpel ist, haust Du Dich etwa einfach so ins Zelt und jeder andere ist Dir egal oder was?". Nun, die Gegenseite wollte es wohl zunächst nicht zugeben, aber nach intensiver Befragung eines fränkischen Kommissaranwärters kam folgende Geschichte ans Licht, bei der jeder der drei nur bereit war, ein Stückchen der Wahrheit preis zu geben von der Nacht vorher, hier von mir soweit rekonstruiert, wie die Befragungen erbrachten.

 

Andi übergab mir seine Goretex Jacke und mein Kletterpartner und ich verabschiedeten sich langsam von der Szene, wir hatten genug. Die schwäbische Abteilung dagegen hatte es vorgezogen, zu vorgerückter Stunde dann doch noch die Disko zu entern. "Eh, Jungs, was wolltet Ihr in eurem Zustand überhaupt in der Disko"" begann ich sie zu beschuldigen. "Ihr könnt doch eh nicht tanzen!", was ich nur vermutete, was aber wohl stimmte. Nur einer, der hatte getanzt, "aber mit wem denn um Himmels Willen, wir kennen doch hier niemand, schon gar keine Weiber!" entgegnete ich. Die drei Angeklagten waren einhellig der Meinung: Mit der mit Abstand häßlichsten Frau in der Kneipe, der einhellige Umkehrschluß lautete daher: Es muß verdammt betrunken gewesen sein, denn sonst wickelt der Typ (der nun wirklich kein einziges George Klooney Gen in sich trug) echt nur die geilsten Bräute spielend um den Finger. Wie es weiterging wollte mir keiner der drei dann mehr verraten, sie behaupteten alle drei, man hätte zwar noch nach ihm gesucht, aber nachdem keine Chance bestanden hätte, ihn wiederzufinden, hätte man sich eben ohne Andi auf den Rückweg gemacht. Man versuchte sich in Ausflüchte, ich hingegen wurde immer ärgerlicher: "Sagt mal, tickt ihr noch ganz richtig? Wenn der irgendwann gemerkt hat, daß ihr nicht mehr da seid und sich allein auf den Rückweg gemacht hat, vielleicht hat ihn ein Auto angefahren und er liegt im Straßengraben und verblutet gerade! Braucht er aber gar nicht, wenn er müde geworden ist und sich in seinem Suff in den Straßengraben gelegt hat, dann ist er wahrscheinlich eh schon erfroren (trotz angenehmer Temperaturen am Tag ging Nachts der Thermometer deutlich unter Null Grad)" beschimpfte ich sie. "Der kann schon für sich sorgen, beruhigten sie mich", aber je länger ich mir die Situation ausmalte, desto schlimmer fand ich sie. "Ich warte jetzt noch zehn Minuten hier, dann geh ich ihn suchen!". Die schwäbische Fraktion versuchte, den Vorfall herunter zu spielen, aber es wurde später und später. Gegen elf Uhr verlies mich die Geduld, mehr Kaffee wäre auch gar nicht mehr gegangen, ich war besorgt, aufgeregt, aufgedreht, ich mußte Gewissheit haben und die Lethargie der Schwaben erregte mich noch mehr als sie mich beruhigte, ich warf die Türen meines Autos ins Schloß und meinte: "Ist mir egal was ihr jetzt tut, ich jedenfalls suche ihn!".

 

Auch mein Kletterpartner konnte die Untätigkeit der Schwaben nicht verstehen, schüttete den Rest seines ohnehin schon kalten Kaffees in den Staub und machte ebenfalls die Wagentür zu, es konnte losgehen. Ich hatte aufgrund von Startproblemen meines französischen Kleinwagenwunders das Auto ohnehin auf dem Hügel zur Straße geparkt, damit ich ihn in der Not auch hätte anrollen lassen können, hantierte gerade an Choke Hebel und Gas, bis mich mein Beifahrer am Arm packte und mich aus meiner Welt des möglichst stöchiometrisch bestem Gemisches aller Zeiten rausholte: "Kuck mal da unten". Ich wußte sofort was er meinte - diese Gestalt, die sich da in schwerem, ungelenkem Gang (ganz anders, als ich ihn vom Fels kannte) zu uns nach oben bewegte - es mußte Andi sein.

 

Erst nachdem wir uns begrüßt und wir ihn auf Schäden untersucht hatten - es war nichts schwerwiegendes zu erkennen - bemerkte ich, daß er ohne Schuhe heimgekommen war. Nachdem er wieder halbwegs eingekleidet war, der Trangia Spirituskocher noch einmal seinen Dienst getan hatte erführen wir die ganze Wahrheit. Also, nachdem ihn seine Kumpels nicht mehr gesehen hatten war er wohl abgetaucht - zusammen mit der Spanierin (s.o.: Der häßlichsten Frau des Abends). Und irgendwann bei ihr zuhause gelandet. In welchem Einrichtungsgegenstand? Unnötig der Nachfrage. "Und dann hat sie plötzlich geschrien: Mio Padre, mio Padre", "na und?", fragte ich ungerührt, "und wo sind Deine Schuhe?", wobei ich mir die Antwort eigentlich hätte denken könne, logischerweise lautete sie: "Zeihst Du zum f.... etwa nicht die Schuhe aus?" Jedenfalls kam, was kommen mußte und was den Kletterer zum Glück eher gelingt als anderen - die Fluch über die Dächer und irgendwann die Erkenntnis: "Ich habe keine Schuhe mehr!". Nun, der Rest ist schnell erzählt, Andi machte sich auf den Heimweg und ein Bauer nahm ihn auf seinem Eselskarren dann noch die drei Kilometer mit nach oben, auf dem er seinen Rausch ausschlafen konnte. An der Einfahrt weckte ihn der Bauer, er bedankte sich und stapfte artig zu uns hoch.

 

Eigentlich nix passiert. Der Kaffee begann langsam zu wirken und aus Andi wurde sogar wieder so etwas wie ein Mensch, der allerdings durch meine Anschuldigungen und den Sorgen, die wir uns um ihn machten etwas in Rechtfertigungsnot kam. Außerdem bedrückte ihn der Verlust seiner fast neuen Adidas Laufschuhe, die er sich erst vor dem Urlaub für teures Geld vom Mund abgespart hatte. "Das hast Du nun davon", meinte ich. "Jürgen!", so setzte er an, "das mußt Du so sehen: Wenn Du in den Puff gehst, dann kostet das auch. Was sind da ein paar Adidas Schuhe? Billiger kriegst Du es dort auch nicht. Insofern habe ich ja fast schon ein Geschäft gemacht, denn eigentlich war das ja deutlich billiger, wenn Du dort noch was trinkst, was glaubst Du, was die da dann dafür verlangen?" (Gedächtnisprotokoll und übersetzt aus fast unverständlichem schwäbischem Dialekt). Mir war gerade klar, er hatte das Ding überlebt, hatte seine Anschisse bekommen und war gerade dabei, Oberwasser zu bekommen, kurz bevor ich ihn fragte: "Und was ist mit Deiner Goretex Jacke, hast Du die auch schon mit eingerechnet?". Die jetzt neu angestellten Berechnungen, von denen er bald selbst zugab, daß sie jetzt deutlich zu seinen Ungunsten ausfielen und Andi geradewegs in Depression und Sinnkrisen zu stürzen drohten erspare ich jetzt dieser Geschichte.

 

Nicht die leuchtenden Augen und seinen Spruch: "Na dann hat sich das ja doch gelohnt", als ich ihm die Jacke nach zwei Tagen wiedergab.

 

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