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November-2011-Würgau-klein

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November

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”Fixierstuben”
- so nennt Peter Brunnert den Auszug aus seinem neuen Buch: “Wir müssen da hoch”
Abgesehen davon hatte ich auch schon genau das gleiche gedacht, konnte es nur nicht so trefflich vormulieren. Wen das Buch interessiert: Die Bezugsquellen findet ihr unter dem Artikel.

Fixierstuben

Klettern ist doch mehr als Schpocht. Dies wurde mir bei meinem ersten Kontakt mit einer Kletterhalle ziemlich schnell klar. Gleichzeitig bestätigte sich mir die schon immer gehegte Vermutung, dass der Mensch ein leidensfähiges Tier ist. Und mit Sicherheit das einzige, das bereit ist, für seine Pein auch noch Geld zu bezahlen.

Irgendwann in diesem Winter war es dann wieder so weit: Ich träumte diesen Traum, den jeder Kletterer schon hundertmal geträumt hat (Ja, ja – und natürlich auch jede Kletterin!): Ich fuhr auf einer Straße durch den Wald und plötzlich tauchten hinter einer Biegung Felsen auf. Türme. Bei mir sind es immer Sandsteintürme. Und ein Blick genügte: keine Ringe, keine Gipfelbücher - offenbar alle unbestiegen. Eine sagenhafte Linie neben der anderen: Wabenwände, Eisenplatten, griffige Überhänge. Und während ich gerade dabei war zu überschlagen, wieviel hundert Ringe ich wohl brauchte, um das alles vernünftig zu erschließen, wachte ich auf. Blitzartig überfiel mich die Erkenntnis: Da war er wieder, der Winter-Turkey, diese gnadenlose Form der Entzugserscheinung, von der wir alle in der kalten Jahreszeit heimgesucht werden.

Nun sind Menschen zum Glück jedoch erfinderisch. So wurden im Laufe der Zeit zahllose Ersatzdrogen entwickelt: Vom unsäglichen Eisklettern (wenn Gott das gewollt hätte, hätten wir Frontalzacken und keine Zehen!) über die mediterrane Winterfrustflucht bis hin zu Klettervideos als besonders perfide Form virtueller Ersatzbefriedigung. Und irgendwann wurden dann diese alpinen Fixerstuben eingerichtet, die sogenannten Kletterhallen. Hatte ich bisher jahrelang einen Bogen um diese aus meiner Sicht verabscheuungswürdigste Form der Substitutionstherapie gemacht, so siegte doch eines Winters die Neugier und das Verlangen über das Misstrauen. Ein kurzer Blick ins weltweite Netz ergab mit Hilfe der postleitzahlgestützten Suche eine Halle in der Nähe meines Wohnortes - schlappe anderthalb Autobahnstunden entfernt, im östlichen Ruhrgebiet oder westlichen Westfalen,  was auf dasselbe rauskommt. Nun muss ich dazu anmerken, dass mein bergsteigerischer Lebensmittelpunkt an den wunderbaren Ith-Felsen liegt, die ich innerhalb einer guten halben Stunde erreiche. Ob des relativ hohen Anfahrt-Investments waren meine Erwartungen entsprechend gespannt.

Sie wurden enttäuscht.

Nun sollte man sicherlich von vornherein einen Buchenwald nicht mit einer Industriebrache vergleichen. Man tut ihr unrecht, schließlich versucht sie ihr Bestes. Doch die Ankunft am Ort des Geschehens ernüchterte meinen Freund Karsten und mich schlagartig: Der Parkplatz zwischen einem Lidl-Markt und einem Sexshop, der Anmarsch vorbei an einem Eine-Welt-Laden und einer Drogenberatungsstelle(!), dann ein müllcontainergezierter Hinterhof, den es noch mutig zu durchqueren galt und schließlich ein verschlissenes, von einem Baumarktstrahler erleuchtetes Salewa-Transparent an einer alten Maschinenfabrikhalle. Wir waren am Ziel: “CLIMB-O-MAX” stand da in poppiger Schrift. Vielversprechend.

Kaum war die fünfziger-Jahre-Messing-Tür quietschend hinter uns zugefallen, atmeten wir die Atmosphäre dieser kryptischen Stätte. Eine Kaffee-Schweiß-Geruchsmischung, flankiert von wummernden Drum’n-Bass-Rhythmen begleitete uns zur Rezeption. In der Mitte der Halle gelegen, diente sie gleichzeitig als Bar, Kontaktbörse und Ausrüstungsverleih. Wir zahlten einen, wie ich fand, hohen Betrag, der uns zur Nutzung des Tempels berechtigte, unterschrieben eine Erklärung, die uns a priori die alleinige Schuld zuwies, falls wir abstürzen sollten. Die Bardame quittierte deren Erhalt mit einem freundlichen und vielsagenden Lächeln. Alsdann suchten wir uns ein Plätzchen auf einer der staubigen Stufen vor der sogenannten “BigWall” und zogen unsere Gurte an.

Beim Blick in die Runde bot sich uns ein bizarres Bild: Die “BigWall” hinter uns verschwand, von nackten Betonskeletten flankiert, im Dunst eines ehemaligen Kranturms, in dem nun statt riesiger Transformatoren oder Spritzgussmaschinen topropende Kletterer von ihren Grigri-bewehrten Kranführern manövriert wurden. An die “BigWall” schloss sich links eine garstige, von bunter Greiflings-Akne befallene Plastikwampe an, die im Hallenprospekt schönfärberisch als “NatureWall” angepriesen wurde. Dort zog gerade eine Bande Rasta-Jünglinge in Verve-Hosen einige haarsträubend schwere Boulder. Mit Sitzstart. Einer von ihnen hatte ein Unterschenkelpiercing in Form eines Hufnagels. Sie riefen sich etwas zu, woraus sich jedoch keinerlei Rückschlüsse auf ihre Muttersprache ziehen ließen – Das musste Boulderisch sein. Verve-Hosen sind eigentlich immer zu kurz, schoss es mir noch durch den Kopf, als ich von einem ohrenbetäubenden Kreischen aufgeschreckt wurde. Jemand hatte die Hydraulik der “FlexibleWall” betätigt und die harmlose 4+-Henkelroute verwandelte sich knarrend und drohend in ein bizepsmordendes Überhangsungeheuer. Wir waren sehr beeindruckt.

Nun denn - zur Tat: Rasch den Kletterschuh an den schlanken Fuß geklettet und los! Doch halt! Stretching ist hier angesagt, das sollte man tun, so haben wir es gelesen, so wird es hier praktiziert. Nebenan versank gerade eine Gruppe jugendlicher Bewährungsstraftäter gemeinsam mit ihrem Sozialarbeiter in eine Art meditative Transpiration, da wollten wir nicht nachstehen! Doch dann ans Werk. Die ersten, bewusst leicht gewählten Routen, gingen uns gut von der Hand, nur an das seltsam hohle Geräusch der GFK-Platten und an gegen wummernde Bässe anzubrüllende Seilkommandos mussten wir uns gewöhnen.

Zwischendurch ließen wir uns an der Bar nieder.

“Zwei Capuccino bitte.”
Rechts neben mir zwei Rastagepiercte, die sich, von der üppigen Bardame angehimmelt, auf boulderisch unterhielten:
“Sloper durchblockieren ... bleaumäßiger Cruxpatscher ... 6a+ bloc .... Fingersampler.”

Aha. Zur linken ein von diversen anderen Drogen offensichtlich gehandicapter Großstadt-Junkie, der mit seinem nicht minder bekifften Kumpel über Form und Größe der Brüste unserer Bardame spekulierte. Ich hasse Capuccino mit Sahne.

Der Rest ist schnell erzählt. Wir arbeiteten uns an einigen hoffnungslos unterbewerteten Routen ab, wobei wir unter anderem zweimal die “FlexibleWall” flacher stellen mussten. Es war, als wenn man eine Flasche Domestos trinkt: Es reinigt einen, aber hinterher fühlt man sich irgendwie leer. Nach zwei schweißtreibenden Stunden am schnöden Plastik waren wir reif für einen weiteren Barbesuch. Wir entschieden uns für Apfelschorle, was der Bardame ein Zucken der rechten, mit einer Sicherheitsnadel gepiercten Augenbraue entlockte. Während wir dann, das Naturgetränk verkostend, die C-Jugend von Borussia Dortmund - sie trugen alle wirklich das Schwarzgelbe - im großen 12-Meter-Dach bewundern durften, wurden wir von der Seite angesprochen. Der mit dem Hufnagel.
“Cheers.”
“Tach.”
“Ihr seid neu hier, was?”
“Hm.”
“Coole location. Geht geil ab hier, was?”
“Jjja. Doch.”
“Seid ihr öfter hier?” (in Wahrheit sagte er “öftas”)
“Nee, nee, das erste Mal.”
“Und, wo fahrt ihr sonst hin?”
“Ith.”
“Eat? Kenn ich gar nicht! Wo issen das? Is das der Bringer?”

Karsten und ich schauten uns an. Von derselben düsteren Ahnung beschlichen, antworteten wir fast gleichzeitig:
“Nee, das hier ist besser. Bestimmt!”

Der Stau auf der Rückfahrt reichte von Soest-Ost bis Erwitte/Anröchte.

Inzwischen fahre ich von Zeit zu Zeit zu Götz nach Kassel ins Vertical World. Des Milchkaffees wegen.

Bezugsquellen:

1. In jedem Buchladen: Einfach Autor, Titel und Verlag angeben (Peter Brunnert: Wir müssen da hoch, Panico Alpinverlag) und jeder Buchverlag beschafft euch das Ding in 24 Stunden, ohne Versandgebühr und Schnickschnack. In diesem Fall definitiv einfacher als Internet.

2. Wer eben doch Internet will:
entweder:
http://www.peter-brunnert.de/Geschichten/geschichten.html
oder gleich: http://www.panico.de/literat.htm

Ach ja, die Kosten: 10.00 schlappe Euro sind dafür zu berappen, also auf jeden Fall billiger als ein Eintritt in solche: “Fixierstuben”

 

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