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September

Alles Mögliche

Der Landtag

Ich hebe das Telefon ab. Leider nicht unbedingt deshalb, weil ich gerade an Kommunikation interessiert wäre, sondern weil auf dem Display der Name "Kremer Kulmbach" erscheint. Eigentlich ein unsinniger Name, aber meine ehemalige Lebensabschnittspartnerin hatte das so auf dem Telefon gespeichert. Trotz diverser Anfälle von Demenz kann ich mich noch gut daran erinnern, daß Kremers in Kulmbach wohnen...es mag mehrere Kremers dort geben, aber aufgrund der Anzeige im Display hege ich den nicht unbegründeten Verdacht, daß dies meine Eltern sein könnten.

Ich antworte: "Jaaaaa..." und ich ahne, worauf das schon wieder rausläuft..."Dein Haus ist nicht genug geputzt, was ist, wenn eine Frau zu Dir kommt"...gähn... ich sage: "Es kommt keine Frau! Wo soll die auch herkommen? Ausm Internet? Aus der Firma? Ausm Himmel, eingeflogen durch den Erzengel Gabriel oder jemand anders aus der Bundesregierung? Oder woher glaubt ihr, daß eine Frau kommen könnte? Und außerdem, würde wirklich mal irgend eine Frau kommen, so kann die auch selber putzen. Habe alles dazu da, wäre kein Problem!" Zum Glück hört oder begreift niemand meine Antwort. "Du könntest trotzdem mehr putzen! Man weiß ja nie!". Ich gähne. Wie oft habe ich mir diese Gespräche schon angetan, dutzende Male, immer mit demselben Ergebnis, wir haben uns gestritten, wütend aufgelegt und all die Dinge, die in solchen Situationen anscheinend als Standard zu gelten scheinen. Während ich mir solche Gedanken mache, dringt schon aus dem Äther: "Du solltest dringend mal streichen, wäre eh schon längst nötig gewesen, wahrscheinlich ist sie deswegen ausgezogen!".

Gähn...auch das habe ich mir schon hundertmal anhören müssen, ich antworte: "Ich denke nicht, daß das der Hauptgrund ihres Auszugs war, wenn ja dann hätte sie ja sagen können: "Streich mal wieder!" "Vielleicht hat sie sich ja nicht getaut?" höre ich meine Eltern. Sie haben seit neuestem so ein Telefon, in denen sie beide hineinreden können. Super Erfindung. Jedenfalls für meine Eltern. Denn: Sie tun es, die Ausgabe hat sich für sie jedenfalls gelohnt. Ich antworte: "Sie hatte nicht so wenig Selbstvertrauen, diesen Gedanken nicht selbstbestimmt artikulieren zu können, das denke ich jetzt weniger...". "Vielleicht hat sie es Dir ja einfach nicht gesagt und Du hättest trotzdem streichen sollen!" kommt vom anderen Ende der Leitung. Ich verfluche gerade innerlich dieses Drecks-Telefon, denn schon vor Beginn des Gesprächs steht es immer 2:1. Und immer gegen mich!

Ich überlege, wie ich aus der Nummer wieder rauskomme. "Wir zahlen!!!! Wir zahlen die Renovierung!" schallt es am anderen Ende. Ich sage: "Ich habe es euch schon hundertmal gesagt, ihr braucht nix zahlen!" und ich bemerke, daß sich mein Tonfall ändert. Möglicherweise braucht es ein anderes Thema.

"Wolltet Ihr nicht eine Busreise machen, frage ich?" "Klar" sagt die Telefonleitung, "waren wir schon, in München!" "War das etwa diese Reise von der ihr mir letzte Woche erzählt habt, die umsonst ist?" "Genau, sagen meine Eltern, man mußte nur in den Landtag!" "Wie" frage ich, "in den Landtag, was habt ihr denn da gemacht? Euch hat doch Politik ein ganzes Leben ein Scheiß interessiert, wieso geht ihr jetzt in den Landtag?" "Man muß in den Landtag" sagen sie, natürlich immer noch mehrstimmig mit ihrem neuen Telefon, "wegen der Reise! Das ist alles umsonst, wenn man da hinfährt und danach bringen sie Dich noch ins Oktoberfest oder in die Innenstadt!" "Das ist alles umsonst?" frage ich, "von wem denn bitte schön?" und ich stelle fest, daß der Unterton in meiner Stimme nicht länger das Timbre hält.

"Na ist doch ganz egal von wem, das geht mit der CSU, der SPD oder mit den Grünen..." sagen sie. "Ja und mit wem ward Ihr dann da unterwegs?" frage ich. "Wir sind uns nicht ganz sicher, aber wohl mit der SPD...". "Mit der SPD??? rufe ich ins Telefon, wieso mit der SPD? Ihr wählt die doch gar nicht mehr, wieso mit der SPD?". "War umsonst, man muß sich nur eineinhalb Stunden in den Landtag setzen!", erklären meine Eltern.

Ich zücke meinen Karl Liebknecht und Rosa Luxenburg Spruch: "Wer hat uns verraten: Sozialdemokraten" und balle die Faust (wir führen ein Telefongespräch, sehen sie natürlich nicht, noch kein Skype und ich bin mir auch nicht sicher, ob sie es benutzen würden..). "Und am meisten", so skandiere ich " die Leute, die dann, wenn wir schon keine KPD mehr wählen dürfen auch noch auf Kosten des weichgespülten Sozialismus nach München fahren, in die Hochburg des Nazi-Franz-Josef-Strauß-Terrors? Seid Ihr Irre?"

"War umsonst!" höre ich. "War umsonst!" höre ich mich in die Muschel (diesen Ausdruck kennen jüngere Leute nicht mehr, es handelt sich hier um das Empfangsteil der Sprache eines Telefons) schreien, "war umsonst!!! Ist euch denn nichts mehr heilig in eurem Alter? Statistisch gesehen seid Ihr doch näher dran an Gott als ich!" schreie ich. "Ihr hättet doch irgend so eine Scheiß Busreise für 20 Euro machen können, das Geld hätte doch gereicht, aber müßt Ihr ausgerechnet die SPD dafür hernehmen? Ich hätte es ja noch verstanden, wenn Ihr diese kapitalistischen Drecksäcke von der CSU um eine Busreise ärmer gemacht hättet, da hätte ich zumindest noch eine anarchiste Ader erkannt, aber so?"

"War billig", höre ich am anderen Ende des Telefons, "und das Bier am Oktoberfest konnten wir uns dann auch leisten.". "Ihr fahrt auf Kosten der SPD nach München um euch dann ein Bier für über 10 Euro zu kaufen?" frage ich zurück. "Klar, die Kosten haben wir uns ja an der Fahrt gespart".

"Das ist das Letzte" erwidere ich. "Und für diesen schleimigen CSU Sack zu stimmen und dann mit der SPD auf Urlaub fahren, ich löse hiermit meine DNA von der Euren, das ist mir jetzt zuviel!". "War doch nur der Bürgermeister" erzählen sie, "das ist doch keine Parteienwahl". "Natürlich ist das eine Parteienwahl" brülle ich durchs Telefon, "was soll es denn sonst sein? Ihr wählt diese Schweinepartei des kapitalistischen Imperialismus und ich soll das gut finden oder was? Ich werde nie mehr auch nur einen Fuß in euren Landkreis setzen, nie, nie wieder! Ihr könnt mal sehn, an eurem Grab steht dann was weiß ich wer, ich jedenfalls nicht, Ihr habt CSU gewählt! Das las ich auch auf Euren Grabstein tippen, die beiden sind deshalb tot, weil sie CSU gewählt haben. Da sieht man, was man davon hat!" und ich bin mir nicht sicher, ob das Telefon wirklich dazu in der Lage ist, die Lautstärke adäquat auf die andere Seite der Leitung zu übertragen.

Einen Moment lang ... Stille.

Dann von meiner Mutter: "Am Sonntag gibt es Ente und Klöße".

"Bin da", erkläre ich.

Erst kommt das Fressen, dann die Moral, Bert Brecht, 1929". Ich lege auf und hoffe, wenigstens ein Unentschieden erreicht zu haben...

 

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