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November

Arco
 Norditaliens berühmtestes Klettergebiet

11 Jahre Arco. Eine Retrospektive

Gedanken eines alten Sacks...
(geschrieben - im Zorn - im Frühjahr 1999)

Seit elf Jahren fahre ich regelmäßig nach Arco. Dies ist ja eigentlich wahrlich kein Grund zur Traurigkeit, eigentlich sollte man sich ja freuen, schon 11 Jahre an diesen wunderschönen Sonnenfelsen geklettert zu sein, all die Triumphe, aber auch die Leiden, die Rückzüge, die wir erlebt haben, dann das aufkommende Sportklettern, perfekte, relaxte Tage an perfektem Fels mit perfekter Sicherung, also mehr kann man als Kletterer doch nun wirklich nicht verlangen vom Leben, Scheiße du blöder Typ, der Du ausgerechnet auch noch auf Deinen eigenen Namen hörst, was willst du denn jetzt Trübsal blasen, sag mal, ist das so ne Masche von dir oder was, Midlife Crisis womöglich oder was, aber wann setzt die eigentlich ein, vor 11 Jahren habe ich doch auch schon was zu Meckern gehabt, muß also was anderes sein, wahrscheinlich so ein innerer Drang, niemals mit sich selbst zufrieden zu sein und dann doch immer nach was anderem zu suchen. Aber so ist das nun mal mit uns Kletterern. Man sucht immer irgendwie nach was, nach der perfekten Route, nach einer neueren und noch schwereren Tour und hat man die dann mal geklettert, sucht man schon wieder nach der nächsten und das geht immer so weiter, sind Kletterer in Wirklichkeit eigentlich glückliche Menschen?
Trotzdem: auf dem Weg, zurück von Sardinien, da kommen mir doch so meine Gedanken...

Ich bin bei Leibe kein Morgenmuffel, aber in der Frühe bringe ich einfach kaum ein Brötchen in mich rein, das ist halt so. Wir sind gestern aus Sardinien gekommen, da ist es heute so, wie es in Arco vor 11 Jahren war und weil der Urlaub ja dann wirklich noch schön und nicht irgendwo im Schlafsack unter einem Felsen oder sonstwo im Gebüsch, wo ich sonst so übernachteten enden sollte, sind wir den Camping Arco, direkt unterhalb des Monte Colodri angefahren. Als ich einfahren will, bremst mich schon mal ein Sperrschild, das mir sofort klarmacht, daß ich ohne irgend so ne Scheiss Karte da nicht mal bis zur Rezeption komme, weil sich diese dämliche Schranke dann nicht öffnen wird. Ich war das letzte Mal vor 11 Jahren hier, habe in der Zwischenzeit den Camping Arco nur dazu genommen, wenn man sich mal duschen musste, weil irgendwo schlafen halt langfristig einen muffeln lässt, da bin ich dann immer so mit ner Tasche unter dem Arm reingelaufen und habe mich geduscht und dann wieder rausgelaufen. Das geht jetzt nicht. Also parke ich meinen Alfa dekorativ vor dieser gottverdammten Schranke und marschiere in die Anmeldung. Ich frage diese Schlampe an der Rezeption in meinem allerbesten Italienisch, ob sie denn noch so einen verfluchten Platz für uns hat und sie antwortet mir in perfekten Deutsch. Ich versuche die Unterhaltung noch ein wenig auf Italienisch in Gang zu halten um wenigstens für mich selbst noch was zu lernen, ist aber nicht möglich, sie spricht penetrant weiter Deutsch, also kontere ich mit dem breitesten Fränkisch, das ich so draufhabe, während ich diese Scheiss Karte für die Schranke und irgend so einen Wisch einstecke, von dem sie mir erklärt, daß ich das durchlesen müsste und die Campingregeln mit meiner Unterschrift anerkannt hätte und ich diesen Dreckszettel ausserdem wieder brauche, um mir die Pässe, die sie vor zwei Minuten einkassiert und nett in irgend so nem Holz-Setzkasten untergebracht hat, wieder zu holen.

Ich steige in meinen Alfa, lasse die Scheibe herunter und lasse den Mountain Biker vorbei, der artig vor der Schranke wartet, bis ich diese Karte in den Schlitz gestopft und wieder rausgeholt habe, dabei noch zwei, drei Turmübungen gemacht, weil ich nicht nahe genug rangefahren bin und das Ding irgendwie nicht auf meiner Höhe ist, bis sich die Schranke endlich öffnet. Insgeheim denke ich mir, dass ich die Karte der betont netten Angestellten an der Rezeption am liebsten sonst wo hingesteckt hätte bis sich da irgendwas öffnet, während ich in einem der genau parzellierten Stellplätze einfahre, mein Zelt aufbaue, ein Bier öffne und einer dieser Sardischen Mörder Zigarren rauche, anschließend ein wenig relaxe, bevor wir dann endlich zum Klettern gehen können. Ich denke, das zumindest haben wir uns verdient, nach dieser Anstrengung!
Sprung nach vorne, ich war beim Frühstück, nächster Tag. Der Laden an der Rezeption verspricht, die nötigen Kleinigkeiten für ein Frühstück sich schnell organisieren zu können. Auch gar nicht so einfach, denn wenn du da nicht mit “Full Suspension” zum Frühstück holen fährt, sondern die 100m eben einfach nur so zu Fuß hinlegst, dann bist du ja eigentlich kein Mensch, Wurm bist du, Abschaum oder was weiß ich was, jedenfalls kein Mensch! Weil wohl so viel Fullys davor standen, bemerkte der Typ nicht, daß ich wohl keiner war und ich durfte die drei, neuerdings in Folie eingeschweissten Brötchen (einzeln geht nicht mehr, entweder Du kaufst drei oder sechs oder Du lässt es eben bleiben, ganz wie du willst) kaufen und mich zurück zu meinem klar abgegrenzten Stück Erde machen, dass ich nun ja wohl für zwei Tage gemietet hatte.
Eingekreist von Hymer-Mobilen und Fullys, die die ganze Zeit an mir zum Brötchenholen vorbeizischen, frage ich mich langsam, was ich hier will. Wie toll war Arco vor 11 Jahren, als es noch was zu entdecken gab! Nago war gerade erst eingebohrt worden, Massone bei weitem noch nicht vollständig, Belvedere, Crossano gab es noch gar nicht! Geschweige denn die vielen neuen Gebiete im Tal! Wir waren damals wegen dem Monte Colodri hergekommen, andere Vorraussetzungen als heute: Alpines Klettern, nur mit besserem Wetter! Den richtigen Zeitpunkt abwarten, fit sein, dann losschlagen! Oder die anderen Felsen im Tal, Cima alle Coste, Monte Brento, Monte Casale und wie sie alle hießen, Sportklettern war für uns Freizeitbeschäftigung zwischen den großen Touren, obwohl wir auch damals sehr schnell feststellen mußten, dass das kaum nur so nebenbei zu machen war, kamen wir doch in Massone kaum eine Tour hoch! Den Camping Arco gab es damals für 10.000 Lire für zwei Personen, Camping Zoo für 7.000.
Lire musste man sich beschaffen, wenn’s mal billig war, der Lire-Kurs wurde damals unter Kletterern gehandelt wie heute Aktienkurse. Unter 2.18 DM für 1000 Lire auf jeden Fall kaufen, oh, schlecht, er steigt wieder, einmal mußte ich für 2.56 DM kaufen, ein halbes Jahr später habe ich mein ganzen Sparbuch für 1.98 DM in Lire investiert (heute festgeschrieben: 1000 Lire = 1,05 DM).
Bin ich unkritischer gegenüber früher geworden? Früher war auch nicht alles Gold, ganz im Gegenteil: Die Absicherung war zum Großteil deutlich schlechter als heute, es fehlte an Klettergebieten ausserhalb der “großen” Touren, die Kletterer waren bei weitem nicht so akzeptiert, wie sie es heute sind. Dennoch fehlt mir heute manches. Wie zum Beispiel die Begegnung mit M. Ischia, Erstbegeher zahlreicher Routen am Monte Colodri, zur damaligen Zeit als Arbeiter beim, hierzulande würde man sagen: “Bauhof” beschäftigt. Wir waren gerade zur Colodri Südseite unterwegs, er sah, daß wir Kletterer waren und fragte uns: Habt ihr schon diese oder jene Route am Monte Colodri gemacht. Alle hatten wir noch nicht gemacht, aber einige davon. Als er dies hörte strahlte er über das ganze Gesicht, setzte sich, erzählte ein wenig von seinen Erstbegehungen, wie es damals so war, was wir beachten sollten. Freute sich, Gleichgesinnte getroffen zu haben, erzählte, lies uns erzählen, wir freuten uns ein sehr kurzes Stück unseres gemeinsamen Weges, bis seine Mittagspause vorbei war und wir wieder unserer, er seiner Wege ging. Nicht ohne einer der freundlichsten Händedrucke gespürt zu haben, die je meine Flossen berührt haben.
Der Italiener, der uns irgendwo oben an der Cima alle Coste aufgesammelt hat und uns runter nach Arco brachte - die Höllenfahrt auf 180 Grad Spitzkehren werde ich nie vergessen, ich behaupte immer noch: Er war besser als Schuhmacher!
Der Österreicher, der sich ausgebunden hat, um nach dem Weiterweg in der Via Renata Rossi zu suchen. Er fand ihn nicht, rutschte jedoch aus und kam gerade bei mir vorbei geschlittert, als ich ihn gerade am Kragen noch kriegte, andernfalls wäre er 200m tiefer im Schutt gelandet. Die Unterhaltung danach war recht unterkühlt, er sagte: Danke! und an seinem Tonfall merkte man, daß er es wohl auch so gemeint haben muß!
Der ehemalige Wirt vom Caffe Trentino, der seine Bilder von seinem Großvater in den Dolomiten rausholte und sie uns zeigte.
Das baufällige Gebäude, das jetzt abgerissen und der Platz zu dem großen Parkplatz zugeschlagen wurde. Da hatten eines Nachts ein paar Kumpels aus Arco ihre Namen drauf gesprüht und sich gegenseitig die Freundschaft versichert. Irgendwann später hat dann einer druntergeschrieben: Stop (so schrieb man das damals noch) Homosex Mafia. Ich mußte jedes Mal schmunzeln, wenn wir daran vorbeigingen und wir waren uns sicher, daß von der Homosex Mafia wohl eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Allgemeinheit ausging. Irgendwann des Nachts, ich hatte mir eine Spraydose mitgenommen, schrieb ich dann drauf: “Verbrennt Hermanns Gitarre”, gemeint war damit ein älteres Mitglied des Coburger Alpenvereins, der auf seiner Gitarre immerhin solch aberwitzige Akkorde wie C, D und G spielen konnte und damit aber echt alle grausligen Alpenvereinslieder (“Wir sind die Moorsoldaten” war sein Lieblingsstück) mit lauter Stimme herunterträllerte!

Irgendwas bleibt doch, trotz aller Veränderungen, immer gleich: Das Lächeln eines Mannes, den ich immer mehr bewundere: Marco, Inhaber der Gelateria Tarifo in der Via Segantini. Das er das beste Eis des Universums macht, ist eher Nebensache, ich würde das Eis auch kaufen, wenn es mit Hundepisse angemacht wäre. Jedesmal freut er sich, wenn er dir ein Eis verkauft, freut sich für dich mit, weil er weiß, daß es dir schmecken wird und das er dir dieses Vergnügen bereitet hat. Zahlreiche Kletterer sind dort abgelichtet. Manches, leider wenig ist in Arco gleich geblieben.

Ich denke an ein Stück von “Freundeskreis: “Der Unterschied zwischen Musikern (hier Kletterer einsetzen) und Proletariern ist: Wir verkaufen uns momentan profitabler: Seht ihr die Analogie, auch wir sind Teil jenes Business mit beschränkter Haftung, sagt, habt ihr nur noch vor Profit Achtung?”
Irgendwann merkte man eben auch da, daß man mit Kletterern auch Geld machen kann.

Manches Schöne in Arco ist dennoch geblieben, das Lächeln von Marco, dem Eismann, gehört dazu. Die Touren sind da, also, warum sie nicht klettern? Und in Arco zu sein, wird immer irgendwie zu den schönen Seiten des Lebens dazu gehören. Auch wenn ich die ganze Vermarktung und den ganzen Mountain Bike Mist und Outdoor Dreck gerade zu zum Kotzen finde, und mich aufregt, daß irgendwelche Deutschen sich neben mir breit machen und daß ich womöglich keinen Platz mehr auf dem Pissoir finde oder sonst was. Der Virus Arco ist ungebrochen, oder doch irgendwie gebrochen. Warum können nicht viele Dinge wieder so sein wie früher, als es noch unanständig war, mit Kletterhosen durch die Stadt zu laufen, man sich noch vorher züchtig in seine Jeans oder Stoffhosen kleiden mußte.

Eines, so denke ich, wird immer gleich bleiben - das Lächeln eines liebenswerten Mannes an der Gelateria Tarifo. Wenigstens noch eines, worauf man sich in Arco wirklich verlassen kann!

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