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        von Jürgen Kremer

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Würgau Südriß Titel

Der Südriß (6+) am Nürnberger Turm

Würgau Südriß 7 Würgau Südriß 8

Aber egal ob freiklettern oder nicht - zumindest gab es Ziele, an denen man sich reiben konnte. Dummerweise war die Reibung hier ganz besonders hoch - oder auch ganz besonders niedrig, je nachdem wie man das sehen will.
Niedrig deshalb, weil der Riß auch vor fast 30 Jahren sich nicht viel anders anfühlte als heute, höchstens die Begrifflichkeit hat sich im Laufe der Zeit geändert. Hätte man damals noch von “glatt” gesprochen, ist heute wohl “speckig” das geläufige Wort, das allerdings leider ein wenig auch den Geist der Zeit wiedergibt. Die Route ist “speckig”, oder - noch negativer: “abgespeckt” und ich erwische mich selbst oft genug dabei, auch diesen Terminus zu verwenden. Aber lassen wir mal den “früher war alles besser Blick” weg und man wird schnell für sich selbst feststellen: Früher war die Route auch nicht anders, damals war sie eben glatt. Was mich an diesen Formulierungen so stört ist vor allem die Tatsache, sich nicht den Routen stellen zu wollen. Der Grund, warum man nicht hochkommt, der liegt nicht etwa in einem selbst - keine gute Rißtechnik gemacht, nicht vernünftig sich die Route eingeteilt - nein! Die Route ist speckig, fertig. Ich kann ja gar nix dafür, daß ich da nicht hochkomme.

Würgau Südriß 9 Würgau Südriß 10

Und dann noch der Schwierigkeitsgrad! Wir waren ja bei Reibung - oder eben keiner Reibung. Was also sollte es für einen Sinn haben, sich an einer Route zu reiben, mit deren Schwierigkeitsgrad man auf gar keinen Fall punkten konnte an den Stammtischen, den Sonnwend- oder Weihnachtsfeiern der Vereine, die die Alpen im Vornamen hatten und deren Mitglieder sich deshalb nix kümmerten um die heimischen Klettergebiete, diese Volltrottel von arroganten Biedermännern, die ihre Lebenslügen aufbauten auf ihren wenigen, mit Lug und Trug erschwindelten Leistungen weit vergangener Tage?
Kein geeignetes Terrain also. Da waren auch schon damals 7er und 8 Minen leichter zu holen als dieser Riß.

Aber genau deshalb standen wir immer wieder drunter. Weil er geklettert werden mußte. Koste es, was es wolle. Daß manche Rißklemmer weh tun würden, wußte man irgendwann unten schon. Aber das ist genau, wie mit einem dauerhaften Leiden, immer wenn man an diese eine Stelle des Körpers hinkommt oder eine falsche Bewegung macht, so tut es weh. Anfänglich ärgert man sich, irgendwann wundert man sich gar nicht mehr, es tut gar nicht mehr richtig weh, weil - man wußte das ja schon vorher. Irgendwie, wie in diesem Riß.

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Der Vorteil des Kabel- und Leiterwerks in Neustadt bei Coburg bestand darin, daß es neben einer anständigen Arbeit und für Praktikanten anständigen Bezahlung auch die Möglichkeit gab, mal einige Stunden weg zu sein. Also rief ich meinen damaligen Kletterpartner - auch an einem Oktobertag - an und ließ mir eine Genehmigung meines Mentors unterschreiben - von wegen Gleitzeitverletzung.
Wieder einmal standen wir unter dem Nürnberger Turm, Ernst war - wie es immer so seine Art war - äußerst entspannt. Ich weniger, heute muß sie fallen, die Tour! Nicht umsonst bin ich von der Arbeit weg! Ernst rauchte gerade eine selbst gedrehte Kippe, ich in der Anspannung sprach ihn an: “Ernst, dreh mir auch mal Eine” und Ernst begann sofort mit der Arbeit. Was eine neben uns kletternde Seilschaft anscheinend zu interessieren schien. Und irgendwie kam mir das Gesicht auch bekannt vor, aus den wenigen, damals existierenden Kletterzeitschriften. Auch wenn man mir das als Macher einer Internetseite vielleicht nicht glauben mag, ich bin da immer recht schüchtern und fragte da nicht weiter, Ernst hingegen war mit der Seilschaft neben uns schon recht gut im Gespräch. Eigentlich wollte ich einsteigen, aber dann fragte ich doch: “Entschuldigung, sind Sie vielleicht der Kurt Albert”. Die Antwort war kurz, aber klar: “Ja, das bin ich, aber das mit dem “Sie”, das läßt Du jetzt mal bitte schön weg!”
Nun, ich mußte jetzt, was ich wissen wollte, stand noch etwas verdattert da, meine noch nicht angezündete Kippe in der Hand, als sich Kurt mir zuwandte: “Du willst jetzt da eh klettern, also kannst Du jetzt nicht rauchen!” und nahm mir die Kippe wie selbstverständlich ab (oder ob ich sie ihm gegeben habe, daran kann ich mich im Verlauf der Jahre nicht mehr erinnern, aber ansonsten ist die Geschichte wahr!), besorgte sich noch von Ernst ein Feuer und rauchte - meine - Kippe sorglos und zufrieden ob seines gerade erzielten Erfolges.
Ich stieg in die Route ein. “Der Kurt Albert ist da. Du darfst Dich hier nicht anstellen wie der letzte Depp, reiß Dich zusammen!”, so dachte ich mir, um dann oben am vorletzten Haken doch noch rauszufallen - oder - rausgefallen ist man ja damals nicht - den Haken zu benützen....
Bei der von seinen Partner angebotenen Wahl: Kaffee oder noch eine Route viel seine Wahl auf Kaffee, daher hat er meinen zweiten, dann auch tatsächlich erfolgreichen Versuch gar nicht bemerken können. Ich habe den Kurt später noch oft gesehen, bemerkenswert an ihm fand ich immer seine Fähigkeit, sich Gesichter und Menschen zu merken. Viele Jahre später, sind wir uns in Metora/Griechenland über den Weg gelaufen und seine erste Frage war: “Hallo Jürgen, was macht ihr denn hier?” - wie aus der Pistole geschossen, ohne zu überlegen kannte er noch meinen Namen. Im Herbst 2009 war er mit Holger Heuber zusammen sogar in Lichtenfels auf einem Vortrag. Im nächsten Herbst war er tot. Und der Tag war so, als hätte der Himmel gewollt, daß es eine schöne Trauerfeier gibt, oben an der Muschelquelle bei Streitberg. Aber wahrscheinlich hätte Kurt das gar nicht so gewollt. Wahrscheinlich hätte er - hätte er es noch sagen können bemerkt: “Was wollt ihr eigentlich alle hier? Seht ihr nicht, was für ein schöner Tag heute ist? Wieso seit ihr hier beim Trauern - und nicht beim Klettern?”

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